Die Aussicht auf eine Entspannung im Konflikt zwischen den USA und Iran hat dem Kryptomarkt zu Wochenbeginn spürbaren Rückenwind verliehen. Bitcoin konnte sich nach dem jüngsten Einbruch unter 60.000 Dollar wieder bis auf rund 67.000 Dollar erholen. Doch während die geopolitische Lage kurzfristig für Erleichterung sorgt, senden mehrere Marktindikatoren weiterhin Warnsignale. Analysten sehen deshalb noch keinen Beweis dafür, dass die jüngste Erholung der Beginn eines neuen Aufwärtstrends ist.
Auslöser der Kursgewinne war die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, wonach die Vereinigten Staaten und Iran eine Friedensvereinbarung ausgehandelt hätten. Die Unterzeichnung soll bereits in den kommenden Tagen erfolgen. Nach Angaben Trumps würde die Vereinbarung die Wiederöffnung der Straße von Hormus sowie die Aufhebung amerikanischer Blockaden gegen iranische Häfen vorsehen. Zudem sollen beide Seiten Verhandlungen über das iranische Atomprogramm und mögliche Sanktionserleichterungen aufnehmen.
Die Märkte reagierten positiv auf die Aussicht auf sinkende geopolitische Risiken. Insbesondere die Ölpreise gerieten unter Druck, da eine Wiederöffnung der wichtigen Handelsroute durch die Straße von Hormus das Risiko von Angebotsengpässen reduzieren würde. Gleichzeitig gingen die Sorgen vor einem erneuten Inflationsschub zurück. Von diesem verbesserten Marktumfeld profitierte auch Bitcoin, der seit seinem Tief Anfang Juni um mehr als 13 Prozent zulegen konnte.
Analysten sehen Erholung auf wackeligen Beinen
Trotz der deutlichen Gegenbewegung bleibt die Skepsis vieler Marktbeobachter groß. Nick Ruck, Research Director bei LVRG Research, warnt davor, die jüngste Erholung als nachhaltige Trendwende zu interpretieren. Zwar habe Bitcoin wichtige Kursmarken zurückerobert, doch die zugrunde liegenden Marktdaten würden bislang keine überzeugende Stärke zeigen.
Besonders kritisch bewertet Ruck die Entwicklung des Handelsvolumens und der On-Chain-Daten. Die aktuelle Erholung sei von rückläufigem Handelsinteresse begleitet worden, während zentrale Netzwerkindikatoren weiterhin stagnieren. Sollte das angekündigte Friedensabkommen scheitern oder neue Spannungen zwischen den USA und Iran entstehen, könnte Bitcoin erneut unter Druck geraten.
Nach Einschätzung des Analysten könnte die Kryptowährung in einem solchen Szenario zunächst von ihrer Rolle als alternatives Absicherungsinstrument profitieren. Langfristig würden jedoch wahrscheinlich klassische Risk-off-Bewegungen dominieren, die sowohl Aktien als auch Kryptowährungen belasten könnten.
Swissblock: Momentum und Kaufdruck bleiben auf Bärenmarkt-Niveau
Auch die On-Chain-Analysten von Swissblock sehen bislang keine überzeugenden Signale für eine nachhaltige Erholung. Die Experten verweisen insbesondere auf zwei Indikatoren: das Kursmomentum und das sogenannte On-Balance-Volume (OBV), das den Kauf- und Verkaufsdruck im Markt misst.
Beide Kennzahlen befinden sich trotz der jüngsten Erholung weiterhin tief im negativen Bereich. Das Preis-Momentum liegt aktuell bei minus eins und signalisiert damit weiterhin eine schwache Dynamik der Aufwärtsbewegung. Noch problematischer erscheint die Entwicklung des OBV, das mit minus 1,7 Millionen den niedrigsten Stand seit Jahren erreicht hat.
Historisch betrachtet sei dies typisch für Bärenmärkte. Zunächst verliere der Markt an Momentum, anschließend gehe der Kaufdruck zurück, bevor neue Kursrückgänge folgen. Erst wenn sowohl Momentum als auch OBV wieder in den positiven Bereich drehen, entstehe ein belastbares Signal für eine nachhaltige Trendwende. Bis dahin bleibe ein erneuter Test der jüngsten Tiefstände möglich.
Charttechniker sehen Potenzial für einen Doppelboden
Trotz der schwachen On-Chain-Daten gibt es aus technischer Sicht erste Lichtblicke. Bitcoin hat die Unterstützung im Bereich von 60.000 Dollar inzwischen bereits zum zweiten Mal innerhalb dieses Jahres erfolgreich verteidigt. Das erste Tief entstand im Februar, das zweite folgte während des scharfen Abverkaufs Anfang Juni.
Dadurch bildet sich auf dem Dreitages-Chart ein mögliches Doppelboden-Muster – eine klassische Umkehrformation der technischen Analyse. Solange die Unterstützung bei 60.000 Dollar hält, bleibt dieses Szenario aktiv.
Die entscheidende Hürde liegt allerdings deutlich höher. Erst ein Ausbruch über den Bereich um 81.000 Dollar würde die Formation offiziell bestätigen. In diesem Fall ergäbe sich aus charttechnischer Sicht ein mögliches Kursziel von rund 108.000 Dollar. Das entspräche einem Aufwärtspotenzial von mehr als 60 Prozent gegenüber dem aktuellen Kursniveau.
Zusätzliche Unterstützung erhält diese Einschätzung durch eine bullische Divergenz im Wochenchart. Während Bitcoin zuletzt ein tieferes Kurstief ausbildete, markierte der Relative-Stärke-Index (RSI) ein höheres Tief. Ein ähnliches Muster war bereits am Ende des Bärenmarktes 2022 zu beobachten, bevor eine mehrmonatige Aufwärtsbewegung begann.
Bear-Flag und Wal-Verkäufe sorgen für Gegenwind
Kurzfristig ist die Lage jedoch deutlich weniger eindeutig. Bitcoin kämpft derzeit mit einem wichtigen Widerstandsbereich um 66.700 Dollar, der sowohl durch die obere Begrenzung einer sogenannten Bear-Flag-Formation als auch durch den 20-Tage-Durchschnitt gebildet wird.
Sollte der Kurs an dieser Zone scheitern, droht ein Rückfall in Richtung 63.600 Dollar. Ein Bruch dieser Unterstützung würde das bearishe Fortsetzungsmuster aktivieren. Aus technischer Sicht ergäbe sich dann ein mögliches Kursziel im Bereich von 53.850 Dollar und damit rund 20 Prozent unter dem aktuellen Niveau.
Für zusätzliche Vorsicht sorgen Daten von CryptoQuant. Demnach haben große Bitcoin-Investoren ihre Zuflüsse zur Kryptobörse Binance in den vergangenen Wochen deutlich erhöht. Während Ende April noch durchschnittlich rund 1.200 Bitcoin pro Tag von Großanlegern an die Börse transferiert wurden, lag dieser Wert zuletzt bei etwa 3.200 Bitcoin täglich.
Solche Zuflüsse gelten häufig als Hinweis auf eine erhöhte Verkaufsbereitschaft, da Coins in vielen Fällen vor einem Verkauf auf Handelsplattformen transferiert werden.
Zwischen 108.000 und 10.000 Dollar
Die Bandbreite der aktuellen Prognosen könnte kaum größer sein. Während technische Analysten bei einer Bestätigung des Doppelbodens Kursziele oberhalb von 100.000 Dollar für möglich halten, warnt Bloomberg-Strategieexperte Mike McGlone vor einem deutlich düstereren Szenario.
McGlone hält es für denkbar, dass Bitcoin bis Ende des Jahres näher bei 10.000 Dollar als bei den aktuellen Kursen notiert. Seine Argumentation basiert vor allem auf der hohen Korrelation zwischen Bitcoin und dem US-Aktienmarkt. Sollte es im Zuge eines schwächeren Konjunkturumfelds oder eines Rückgangs der US-Börsen zu einer größeren Korrektur kommen, könnte dies auch den Kryptomarkt erheblich belasten.
Gleichzeitig verweist der Analyst auf die zunehmende Bedeutung von Stablecoins. Aus seiner Sicht entwickelt sich Tether zunehmend zum eigentlichen Gewinner des Kryptosektors, da der digitale Dollar mittlerweile die zentrale Infrastruktur des gesamten Marktes bildet.
Für Anleger bleibt die Lage damit widersprüchlich. Die geopolitische Entspannung zwischen den USA und Iran hat kurzfristig für Erleichterung gesorgt und die Risikobereitschaft an den Märkten erhöht. Gleichzeitig deuten schwache On-Chain-Daten, erhöhte Verkaufsaktivität großer Marktteilnehmer und weiterhin aktive Bärenmarkt-Strukturen darauf hin, dass die Erholung noch auf einem fragilen Fundament steht. Ob Bitcoin tatsächlich einen neuen Aufwärtstrend startet oder lediglich eine technische Gegenbewegung innerhalb des laufenden Bärenmarktes erlebt, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden.
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