Rund 28.000 Bitcoin sind in weniger als drei Wochen an die Börsen zurückgeflossen und haben damit 84 Prozent des sechswöchigen Abflusses wieder ausgeglichen, der zuvor als Beleg für eine drohende Angebotsverknappung galt. Während ETF-Anbieter im August teils kräftige Zuflüsse verbuchten, füllten sich die Börsen-Wallets nahezu im Gleichschritt – ein Muster, das die vielzitierte Knappheits-These deutlich relativiert.
Laut Daten des On-Chain-Analyseanbieters Santiment stiegen die Bitcoin-Bestände an zentralisierten Börsen zwischen dem 28. Juli und dem 16. August von 1,304 Millionen auf rund 1,332 Millionen $BTC. Die Kennzahl liegt damit nur noch etwa 5.200 Coins unter ihrem Höchststand von Mitte Juni – ein Signal, dass der zuletzt beschworene Liquiditätsengpass an Substanz verliert.
- Wiederauffüllung: Rund 28.000 $BTC kehrten zwischen dem 28. Juli und 16. August an die Börsen zurück.
- Ausgangspunkt: Die Bestände fielen zwischen dem 12. Juni und 28. Juli von 1,337 Mio. auf 1,304 Mio. $BTC, ein Minus von rund 2,5 Prozent.
- Tempo der Umkehr: Der Squeeze baute sich laut Santiment über sechs Wochen auf, löste sich aber in unter drei Wochen wieder auf.
- ETF-Kontext: US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der ersten vollen Augustwoche Nettozuflüsse von 853,54 Mio. USD, gefolgt von einem Abfluss von 61,16 Mio. USD am 12. August.
Der Auslöser: Sechs Wochen Abfluss, drei Wochen Umkehr
Bis zum 15. März war der Anteil der an zentralisierten Börsen gehaltenen Bitcoins laut Santiment auf den niedrigsten Stand seit November 2017 gesunken. Diese Verknappung prägte monatelang die Markterzählung und nährte die Erwartung, dass institutionelle Nachfrage über kurz oder lang auf einen zu kleinen Pool an handelbaren Coins treffen würde.
Zwischen dem 12. Juni und dem 28. Juli setzte sich dieser Trend fort: Die Börsenbestände fielen um rund 33.000 $BTC. Genau in dieser Phase begann jedoch bereits die Gegenbewegung, wie auch die Analyse zur ETF-Zuflussserie zeigt: In der ersten Augustwoche flossen 853,54 Millionen US-Dollar in US-Spot-ETFs, wovon BlackRocks IBIT allein 693,5 Millionen US-Dollar beisteuerte – die stärkste Wochenbilanz seit April. Dass diese Zuflüsse zeitgleich mit steigenden Börsenbeständen auftraten, war laut Santiment kein Widerspruch, sondern zeigte lediglich, dass beide Kennzahlen unterschiedliche Marktebenen abbilden.
On-Chain-Daten: Was Santiment tatsächlich misst
Der Grund für die scheinbare Diskrepanz liegt im ETF-Schöpfungsprozess selbst. Seit die US-Börsenaufsicht SEC Sachübertragungen bei Krypto-ETPs genehmigt hat, können autorisierte Teilnehmer Bitcoin direkt an Fonds liefern, statt jede Auflage über einen Kassamarkt-Kauf abzuwickeln. ETF-Nettozuflüsse messen also Fondsanteile, nicht den Handelsplatz, über den die zugrunde liegenden Coins tatsächlich beschafft wurden – ein Punkt, den auch die Untersuchung zur Entkopplung von ETF-Flüssen und Wallet-Beständen herausarbeitet.
Santiment fasste die Größenordnung der Bewegung in einem X-Beitrag vom 17. August zusammen: „Balances bottomed on Jul 28 and have climbed to ~1.332M by Aug 16, about 28,000 $BTC back on, roughly 84% of the drain undone.“ Die Fünf-Tages-Zuflussserie der ETFs endete am 10. August, danach verlief die tägliche Aktivität uneinheitlich – am 12. August zogen Fidelity und BlackRock zusammen 61,16 Millionen US-Dollar ab.
Unsere Einschätzung: Keine Kapitulation, aber auch keine Knappheit mehr
Wir sehen in der Rückkehr der 28.000 $BTC vor allem eine Normalisierung der sichtbaren Liquidität, kein Verkaufssignal im klassischen Sinn. Dass Coins auf Börsen-Wallets landen, bedeutet nicht automatisch Verkaufsdruck – es bedeutet zunächst nur, dass mehr handelbares Angebot verfügbar ist, falls sich Inhaber dazu entschließen.
Gleichzeitig entzieht die Bewegung der Knappheits-Erzählung, die seit dem Rekordtief vom März kursierte, einen wichtigen Baustein. Wer auf einen strukturellen Supply-Squeeze als alleinigen Kurstreiber gesetzt hat, muss diese These nun relativieren – die Daten zeigen ein deutlich dynamischeres Wechselspiel zwischen ETF-Nachfrage und Börsenbeständen, als es das reine Knappheits-Narrativ suggerierte.
Drei Szenarien für die Bitcoin-Liquidität
- Stabilisierung bei ~1,33 Mio. $BTC (Wahrscheinlichkeit: 50%): Die Börsenbestände pendeln sich nahe dem aktuellen Niveau ein, ETF-Flüsse bleiben uneinheitlich, und der Markt handelt ohne klares Knappheits- oder Überangebots-Signal.
- Erneuter Rückgang Richtung Junitief (Wahrscheinlichkeit: 30%): Setzen ETFs ihre Nettozuflüsse fort und ziehen Anleger Coins verstärkt in Selbstverwahrung, könnte die Knappheits-These wieder an Fahrt gewinnen.
- Weiterer Anstieg der Börsenbestände (Wahrscheinlichkeit: 20%): Bei anhaltenden ETF-Abflüssen und schwacher Nachfrage könnte das sichtbare Angebot weiter zulegen und kurzfristigen Verkaufsdruck erhöhen.
Risikofaktor: Uneinheitliche ETF-Flüsse
Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt die Volatilität der ETF-Ströme selbst. Nach fünf Tagen mit Nettozuflüssen endete die Serie am 10. August, und die Abflüsse vom 12. August bei Fidelity und BlackRock zeigen, dass institutionelle Nachfrage keineswegs linear verläuft.
Wie stark makroökonomische Faktoren dabei hineinspielen, lässt sich am Zusammenhang zwischen Positionierung und US-Konjunkturdaten ablesen, den die Analyse zur Bitcoin-Erholung nach US-Arbeitsmarktdaten beleuchtet. Bleiben die ETF-Flüsse volatil, dürfte auch die Börsenbestands-Kennzahl in den kommenden Wochen keine eindeutige Richtung einschlagen, sondern zwischen Zu- und Abflüssen oszillieren.
Anleger sollten die Santiment-Kennzahl „Supply on Exchanges“ daher weiterhin parallel zu den täglichen ETF-Flow-Daten beobachten, statt aus einer einzelnen Wochenbewegung eine feste Markt-These abzuleiten.
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