Seit Mitte der 2000er-Jahre steht der Iran wegen seines Atomprogramms unter internationalen Sanktionen. Diese umfassen unter anderem den Ausschluss vom SWIFT-Finanzsystem sowie Einschränkungen beim Ölexport. Unter US-Präsident Barack Obama kam es durch das Atomabkommen kurzzeitig zu einer Entspannung, bevor die Sanktionen im Jahr 2018 unter Donald Trump erneut verschärft wurden.
Dabei rückten auch digitale Vermögenswerte in den Fokus. Das Office of Foreign Assets Control (OFAC) veröffentlichte auf einer Sanktionsliste im Jahr 2018 erstmals konkrete Bitcoin-Adressen eines iranischen Cybercrime-Netzwerks. Ein Großteil der Transaktionen dieses Netzwerks lief laut Analysen über die größte Krypto-Börse des Iran, Nobitex. Gleichzeitig stellte das US-Finanzministerium Verbindungen der sanktionierten Akteure zur Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) her.
Blockchain-Analysefirmen wie Chainalysis, Elliptic und Crystal Intelligence untersuchen seitdem die Rolle von Kryptowährungen im Iran.
Die iranische Regierung setzt bekanntlich zunehmend auf Bitcoin oder Stablecoins, um Sanktionen zu umgehen – etwa als Zahlungsmittel für Importe, Waffenexporte oder Gebühren für den Warentransit durch die Straße von Hormus. Gerüchten zufolge betreiben die Revolutionsgarden auch eigene Mining-Anlagen.
Am 24. April gab US-Finanzminister Scott Bessent schließlich bekannt, dass die USA 344 Millionen US-Dollar an Kryptowährungen des Iran einfrieren lassen haben. Dabei handelt es sich um USDT, den Stablecoin von Tether. Entsprechend dürfte sich das Land nun umso mehr auf Bitcoin, die einzig wirklich dezentrale und zensurresistente Alternative, fokussieren.
Zudem nutzen die sanktionierten iranischen Einrichtungen informelle Geldtransfersysteme und komplexe Bankennetzwerke. Um das „Schattenbankensystem“ im Iran zu bekämpfen, haben die USA am 28. April 2026 weitere Sanktionen verhängt. Davon nicht betroffen ist Nobitex, obwohl die Krypto-Börse laut zahlreichen Berichten durchaus als Teil der Sanktionsumgehung betrachtet werden könnte.
Nobitex: Irans größte Krypto-Börse
Nobitex wurde im Jahr 2017 von Amir Hosein Rad und den Brüdern Ali und Mohammed Aghamir gegründet und entwickelte sich zur wichtigsten Krypto-Plattform des Landes.
Für viele Iraner bietet Nobitex eine Möglichkeit, sich gegen die Inflation und den Wertverlust des Rial abzusichern und am globalen Finanzsystem teilzunehmen. Schätzungen zufolge liefen im Jahr 2021 rund 70 % aller Krypto-Transaktionen im Iran über die Plattform. Insgesamt soll das abgewickelte Volumen bei etwa 11 Milliarden US-Dollar liegen.
Im Zuge der zunehmenden Einschränkungen in Zusammenhang mit den internationalen Sanktionen positionierte sich Nobitex ganz offen als Möglichkeit, die finanziellen Beschränkungen zu umgehen. Die Börse nutzt wechselnde Wallet-Adressen und verschiedene technische Verfahren, um Transaktionen schwerer nachverfolgbar zu machen. Dazu berät sie auch ihre aktuell 11 Millionen Nutzer.
Ende 2022 bekam Nobitex sogar Hilfe bei der Umgehung der Sanktionen von Binance, der weltweit größten Krypto-Börse. Nobitex bestreitet aber jegliche Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen.
Verbindungen zur politischen Elite
Im Jahr 2024 gab es schließlich weitere Gerüchte über eine Verbindung von Nobitex zu iranischen Institutionen. Nun deutet auch eine investigative Recherche von Reuters darauf hin, dass die Börse enger mit den Machtstrukturen des Landes verbunden sein könnte, als bislang bekannt war.
Laut Interviews mit neun Nobitex-Mitarbeitern und vier privaten Finanzermittlern sowie Analysen von On-Chain-Daten und iranischen Unternehmens-, Regierungs- und Bankunterlagen gehören die beiden Brüder des Gründerteams möglicherweise zur einflussreichen Kharrazi-Familie. Diese wird dem Umfeld des obersten Führers zugeordnet und stellte wichtige Regierungsposten – etwa Außenminister und Berater.
Bei der Gründung von Nobitex nutzten die Brüder den Namen „Aghamir“, während interne Dokumente und E-Mail-Adressen laut Reuters Verbindungen zum Namen „Kharrazi“ nahelegen, etwa bei der Registrierung der Nobitex-Domain. Reuters nennt mehrere Beispiele für die mutmaßliche Aghamir-Kharrazi-Verknüpfung.
Nobitex bestreitet jedoch sowohl die Identitätsverschleierungen als auch Verbindungen zu staatlichen Institutionen. Das Unternehmen betont, niemals mit der iranischen Zentralbank, der IRGC oder anderen staatlichen Stellen kooperiert zu haben. Von etwaigen illegalen Transaktionen habe die Börse nichts gewusst.
Hinweise auf staatliche Nutzung
Mehrere ehemalige Mitarbeiter gaben gegenüber Reuters aber an, dass die Plattform im Laufe der Zeit zunehmend auch von staatlichen Akteuren genutzt worden sei. Gleichzeitig blieb Nobitex für die breite Bevölkerung ein zentrales Instrument zur Wertaufbewahrung.
Neue Aufmerksamkeit erhielt das Thema, als der iranische Unternehmer Babak Zanjani im Dezember 2025 Wallet-Adressen veröffentlichte, die angeblich Verbindungen zu staatlichen Institutionen aufweisen. Analysen von Elliptic legen nahe, dass allein die iranische Zentralbank innerhalb weniger Monate (November 2024 bis Juni 2025) mehr als 500 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen kaufte und 347 Millionen US-Dollar davon an Nobitex transferiert haben könnte.
Allerdings gehen die Schätzungen unterschiedlicher Analyseunternehmen zum bisherigen Gesamtvolumen der illegalen Transaktionen über Nobitex weit auseinander, da sie die von verschiedenen Regierungen sanktionierten Wallets unterschiedlich einordnen:
- Elliptic: mindestens 366 Millionen US-Dollar
- Chainalysis: mindestens 68 Millionen US-Dollar
- Crystal Intelligence: mindestens 22 Millionen US-Dollar
Laut einem Mitarbeiter von Crystal Intelligence sei es sehr schwierig, die Aktivitäten eindeutig staatlichen Stellen zuzuordnen, da die meisten Transaktionen auf die normale Bevölkerung entfielen.
Selbst die Schätzung von Elliptic würde nur einen kleinen Teil (etwa 3,33 %) des von Nobitex abgewickelten Gesamtvolumens entsprechen.
Börse der Elite
Mit dem Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026 zeigte sich der elitäre Status von Nobitex im iranischen Finanzsystem. Die Regierung sperrte das Internet und ging hart gegen Satellitenverbindungen und VPNs vor, sodass die meisten Iraner den Zugang zu den Krypto-Börsen verloren.
Doch Nobitex setzte den Betrieb während des Krieges für eine winzige Elite (höchstens 2 % der Bevölkerung), die auf den „staatlich genehmigten“ Listen stand, fort und wickelte bislang Transaktionen im Wert von 54 Millionen US-Dollar ab, wie Crystal Intelligence herausgefunden hat.
Weitere Sanktionen?
Es ist unumstritten, dass iranische Institutionen mit Kryptowährungen Sanktionen umgehen und Werte um den Globus bewegen. Insbesondere die Aussage von Hamid Hosseini, einem Sprecher des staatsnahen iranischen Verbands der Ölexporteure, gegenüber der Financial Times sorgte für Aufsehen. Er erklärte nämlich, dass Schiffe in Bitcoin bezahlen können, um die Straße von Hormus zu passieren.
Der Reuters-Artikel deutet nun erneut darauf hin, dass für das Schattensystem die inländische Krypto-Exchange Nobitex genutzt wird. Die Börse ist demnach nicht nur für die Bürger eine Alternative zum sanktionierten Finanzsystem, sondern auch ein potenziell strategisches Tool des Staates sowie der Eliten.
Trotz wachsender Hinweise auf Verbindungen zu staatlichen Strukturen wurde Nobitex bislang nicht selbst von westlichen Sanktionen erfasst. Auch die mutmaßlich involvierte Kharrazi-Familie blieb bislang unbehelligt. Es bleibt abzuwarten, ob die Erkenntnisse der Reuters-Recherche politische Konsequenzen haben werden beziehungsweise künfitge Sanktionsentscheidungen beeinflussen.
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