de

EZB fürchtet Kontrollverlust über Leitzinsen wegen Verbreitung von Stablecoins

image
rubric logo Legal
like 5

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich zuletzt deutlich skeptisch gegenüber Plänen geäußert, den Markt für Euro-Stablecoins auszuweiten. EZB-Präsidentin Christine Lagarde und andere Notenbanker warnen vor erheblichen Risiken für die Finanzstabilität und die Wirksamkeit der Geldpolitik. Anlass war unter anderem ein Treffen der EU-Finanzminister auf Zypern, bei dem ein Brüsseler Thinktank weitreichende Erleichterungen für Krypto-Emittenten vorschlug.

Warum Stablecoins so stark in den Fokus rücken

Stablecoins sind digitale Token, deren Wert an eine Fiat-Währung wie den US-Dollar oder den Euro gekoppelt ist. Sie werden vor allem für grenzüberschreitende Zahlungen genutzt, bei denen klassische Banküberweisungen teurer wären, sowie als Zahlungsmittel innerhalb des Krypto-Ökosystems. Der globale Markt ist von rund zehn Milliarden US-Dollar vor sechs Jahren auf heute mehr als 300 Milliarden US-Dollar gewachsen. Rund 98 Prozent aller Stablecoins sind auf den US-Dollar ausgerichtet, dominiert von den Anbietern Tether und Circle.

In Europa hat das Thinktank-Institut Bruegel auf einem informellen Treffen der EU-Finanzpolitiker in Nikosia vorgeschlagen, die Liquiditätsanforderungen für Krypto-Emittenten zu lockern und ihnen möglicherweise Zugang zu EZB-Refinanzierungsgeschäften zu gewähren. Ziel wäre es, einen europäischen Stablecoin-Markt aufzubauen, der derzeit von Dollar-basierten Produkten beherrscht wird.

Warum sieht die EZB Stablecoins als Risiko?

Die EZB begründet ihre Skepsis mit zwei zentralen Argumenten: der Gefährdung der Finanzstabilität und der Schwächung der geldpolitischen Transmission.

Gefahr für die Zinspolitik

Die Fähigkeit der EZB, Preisstabilität zu gewährleisten, hängt davon ab, dass Zinsentscheidungen über das Bankensystem an Unternehmen und Haushalte weitergegeben werden. Wenn Einleger ihr Geld von klassischen Bankkonten in Stablecoins umschichten, fließt dieses Kapital nicht mehr direkt als stabile Refinanzierungsquelle in die Banken. Stattdessen kehrt es als teurere Großkundenfondierung zurück.

Laut EZB-Forschung würde eine großflächige Substitution von Einlagen die Kreditvergabe an Unternehmen schwächen und die Weitergabe von Leitzinsen an die Realwirtschaft beeinträchtigen. Im Euroraum, wo Banken die dominante Kreditquelle sind, wäre dieser Effekt besonders spürbar. In den USA, wo Unternehmen breiteren Zugang zu Kapitalmärkten haben, könnte ein Rückgang der Bankkredite leichter aufgefangen werden.

Risiken für die Finanzstabilität

Stablecoins sind private Verbindlichkeiten, deren Stabilität von der Glaubwürdigkeit und Liquidität ihrer Deckungsreserven abhängt. Gerät das Vertrauen ins Wanken, können Rückgabeforderungen schnell und sich selbst verstärkend werden. Als Beispiel nennt Lagarde den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank im März 2023: Damals lagen 3,3 Milliarden US-Dollar der Reserven des Stablecoins USD Coin bei der Bank, woraufhin der Token kurzzeitig auf 0,877 US-Dollar fiel, also deutlich unter seinen garantierten Nennwert von einem Dollar.

Hinzu kommt das Risiko bei gemeinsamen Emissionsstrukturen, bei denen derselbe Stablecoin von EU- und Nicht-EU-Emittenten ausgegeben wird. Im Krisenfall würden Anleger bevorzugt dort einlösen, wo der stärkste Schutz besteht, also in der EU, was die hiesigen Reserven überlasten könnte.

Lagardes Rede im Mai 2026: Instrument und Funktion trennen

In einer Grundsatzrede beim Banco de España LatAm Economic Forum am 8. Mai 2026 in Roda de Bará legte Lagarde ihre Position ausführlich dar. Sie argumentierte, dass die aktuelle Debatte einen grundlegenden Denkfehler enthalte: Stablecoins würden als ein einheitliches Instrument behandelt, obwohl sie zwei völlig unterschiedliche Funktionen erfüllen.

„Was diese Debatte bisher nicht klar genug gefragt hat, ist, wofür Stablecoins genau da sind. Die ihnen zugeschriebenen Vorteile beruhen auf zwei unterschiedlichen Funktionen, einer monetären und einer technologischen, die in der aktuellen Debatte systematisch vermischt werden.“

Die monetäre Funktion betrifft die globale Reichweite einer Währung. Euro-Stablecoins könnten zwar kurzfristig die internationale Nachfrage nach europäischen Staatsanleihen erhöhen und die Finanzierungskosten senken. Doch die damit verbundenen Risiken für Finanzstabilität und Geldpolitik überwiegen nach Einschätzung Lagardes diese kurzfristigen Vorteile deutlich.

Die technologische Funktion hingegen betrifft die Abwicklung von Transaktionen auf der Basis von Distributed-Ledger-Technologie (DLT). Hier sieht die EZB-Chefin einen echten Mehrwert, warnt aber davor, dass private Stablecoins als Grundlage für die Abwicklungsinfrastruktur strukturelle Schwächen aufweisen: Sie können in Stressphasen von ihrer Bindung abweichen und bieten damit nicht die bedingungslose Finalität, die Zentralbankgeld garantiert.

Was schlägt die EZB stattdessen vor?

Lagarde spricht sich klar für tokenisierte Geschäftsbankeinlagen als Alternative aus. Diese würden die Sicherheit regulierter Bankkonten mit der Geschwindigkeit und Programmierbarkeit von DLT-Plattformen verbinden. Gleichzeitig baut die EZB mit dem sogenannten Pontes-Projekt eine eigene Infrastruktur auf, die DLT-Plattformen ab September 2026 mit dem bestehenden TARGET-Abwicklungssystem verbindet, sodass Transaktionen von Beginn an in Zentralbankgeld abgewickelt werden können.

„Europa weiß, in welchen Hafen es segelt. Unsere Aufgabe ist es nicht, anderswo entwickelte Instrumente zu kopieren, sondern die Grundlagen und die Infrastruktur zu schaffen, die unseren eigenen Zielen dienen.“

Für die langfristige Stärkung des Euro als internationale Währung setzt Lagarde auf tiefere und stärker integrierte Kapitalmärkte im Rahmen der europäischen Spar- und Investitionsunion sowie auf eine breitere Basis an sicheren europäischen Anleihen, nicht auf Stablecoins.

Reaktionen und aktueller Stand

Beim Treffen in Nikosia stießen die Bruegel-Vorschläge auf gemischte Reaktionen der EU-Finanzminister. Mehrere Notenbanker lehnten insbesondere die Idee ab, die EZB als Lender of Last Resort für Stablecoin-Emittenten zu etablieren, eine Rolle, die bislang ausschließlich dem regulierten Bankensektor vorbehalten ist.

Parallel dazu wächst in Europa die Industrie: Ein Konsortium europäischer Banken unter dem Namen Qivalis, dem inzwischen 37 Institute aus 15 Ländern angehören, plant die Einführung eines Euro-Stablecoins noch in diesem Jahr. Die EU-Kommission überprüft derzeit ihre seit 2024 geltende Krypto-Regulierung MiCAR, die Stablecoin-Emittenten verpflichtet, einen Großteil ihrer Reserven in Bankeinlagen und anderen liquiden Mitteln zu halten. Im Vergleich dazu gelten in den USA unter dem GENIUS Act deutlich leichtere Anforderungen, was laut Bruegel das Risiko einer „digitalen Dollarisierung“ erhöht.