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„Nachweislich falsch“: Anwälte von Chen Zhi fordern 127.000 Bitcoin von den USA zurück

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Die Anwälte von Chen Zhi, dem mutmaßlichen Betreiber eines globalen Scam-Netzwerks, fordern von den USA rund 127.000 Bitcoin zurück. Die Vorwürfe gegen den Chinesen seien „nachweislich und offensichtlich falsch“. Diese Entwicklung folgt, nachdem sogar eine chinesische Behörde behauptete, dass nicht alle seine Gelder kriminell erlangt wurden. Sowohl seine Anwälte als auch die Behörde stellen zudem infrage, wie die USA an die Bitcoin gekommen sind. Diese stammen nämlich aus dem vermeintlichen Hack des Mining-Pools LuBian, der von dem Konglomerat zur Geldwäsche eingesetzt worden sein soll. Ein beträchtlicher Anteil der US-amerikanischen Bitcoin-Reserve steht nun auf dem Spiel. Müssen die USA die $BTC zurückzahlen?

Die größte Bitcoin-Beschlagnahmung

Mitte Oktober 2025 verkündete das US-Justizministerium, 127.271 Bitcoin von einem global operierenden Scam-Netzwerk konfisziert zu haben. Dabei handelte es sich um die Prince Group, ein Firmenkonglomerat mit Sitz in Kambodscha. Der vom chinesischen Staatsbürger Chen Zhi geführten Prince Group werden unter anderem Online-Betrug, Geldwäsche, Zwangsarbeit und Erpressung vorgeworfen.

Wie sich durch die Ermittlungen der USA in Kooperation mit Großbritannien herausstellte, soll das Unternehmen auch den Bitcoin-Mining-Pool LuBian betrieben haben. Laut der Anklageschrift sei LuBian eingesetzt worden, um kriminelle Gelder zu waschen. Im Dezember 2020 wurden dem Mining-Pool wohl 127.000 Bitcoin gestohlen. Arkham Intelligence deckte diesen lange Zeit unbekannten „Hack“ erst im August 2025 auf.

Bis heute ist unklar, ob LuBian einen Hack vorgetäuscht hatte oder die USA dahinterstanden – und wieso die Öffentlichkeit davon erst fast fünf Jahre später erfahren hat. Die chinesische Behörde „National Computer Virus Emergency Response Center (CVERC)“ stellte in einem Report aus November 2025 schließlich die These in den Raum, dass die US-Regierung für den Hack verantwortlich war.

Die US-Regierung könnte die 127.000 Bitcoins, die sich im Besitz von Chen Zhi befanden, bereits 2020 durch Hacking-Techniken gestohlen haben – ein klassischer Fall eines staatlich geförderten Doppelagentenangriffs, orchestriert von einer nationalen Hackerorganisation.
CVERC in dem Bericht

Außerdem zweifelte die Behörde an, dass alle Gelder von LuBian einen kriminellen Ursprung hatten, woraufhin spekuliert wurde, ob China das Geld zurückfordern wird.

Nachdem Chen Zhi am 6. Januar gemeinsam mit zwei Komplizen in Kambodscha verhaftet und nach China ausgeliefert wurde, gibt es nun weitere Entwicklungen rund um die größte Bitcoin-Beschlagnahmung der US-Geschichte. Seine Anwälte fordern nämlich die Bitcoin zurück.

Chen Zhi bei seiner Ankunft in China – Quelle: CCTV
Chen Zhi bei seiner Ankunft in China – Quelle: CCTV

Vernetzungen bis in die Politik

Bloomberg veröffentlichte nun einen ausführlichen Hintergrundartikel zu Chen Zhi und seiner Prince Group. Die Investigativrecherchen beruhen unter anderem auf Gesprächen mit mehr als 20 Personen, die über das Imperium Bescheid wissen sollen, sowie auf Gerichtsakten.

Der Bericht soll zeigen, wie Chen Zhi seinen Einfluss und sein Vermögen vergrößerte und mehr als ein Jahrzehnt lang ungehindert seinen kriminellen Aktivitäten nachging – und vor allem auch, warum er nicht früher ins Visier der Behörden geriet.

Der mutmaßliche Betrüger, der sich als Philanthrop inszenierte, soll nämlich bis in die Politik vernetzt gewesen sein. „Chens sorgfältig aufgebautes Netzwerk an Verbindungen schützte ihn jahrelang, selbst nachdem einige Banken, Journalisten und Forscher begonnen hatten, Alarm zu schlagen“, heißt es im Artikel.

Leo Lin, ein ehemaliger leitender Beamter der taiwanesischen Polizei und mittlerweile Dozent für Sicherheitsstudien an der australischen Charles Sturt University, erklärte gegenüber Bloomberg, dass Chen Zhi aufgrund seiner engen Verbindungen zur Regierung in einem Ausmaß agieren konnte, wie es außerhalb staatlicher Maßnahmen selten zu beobachten sei.

Chen Zhi war der Geschäftsführer der Prince Group, eines in Kambodscha ansässigen Konglomerats, das vor allem im Immobiliengeschäft tätig war und später auch in weitere Branchen expandierte. Der Chinese zog im Jahr 2011 nach Kambodscha, nachdem chinesische Behörden gegen sein damaliges Geschäft mit nicht autorisierten Online-Game-Servern vorgegangen waren. Seinem Konglomerat wird unter anderem vorgeworfen, Menschen unter Androhung von Gewalt zu Online-Betrug gezwungen zu haben – auch bekannt als „Pig-Butchering-Scams“. Nach Chen Zhis Auslieferung nach China wurde in Kambodscha die Liquidation der Prince Bank angeordnet, während Behörden weltweit Vermögenswerte aus seinem Umfeld ins Visier nahmen – darunter auch Immobilien in London.

Der König Kambodschas verlieh Chen Zhi im Jahr 2020 sogar den Titel „Neak Oknha“, der dem Status eines Lords entspricht. Überdies wurde Chen Zhi von Hun Sen, damals kambodschanischer Premierminister, zu einem seiner persönlichen Berater ernannt.

Außerdem spendete Chen Zhi 13 Lkw an die Polizei von Kambodscha sowie mehr als 2 Millionen US-Dollar an das Kambodschanische Rote Kreuz, das von Bun Rany, der Frau des langjährigen Staatschefs Hun Sen, geleitet wird.

Als Kambodscha im Jahr 2022 Gastgeber des Gipfeltreffens der Vereinigung Südostasiatischer Nationen war, schenkte Hun Sen unter anderem den damaligen Regierungschefs Joe Biden und Justin Trudeau lokal gefertigte Uhren. In diese war das Prince-Logo eingraviert – sie kamen aus der von Chen Zhi gegründeten Uhrmacherschule namens Prince Horology.

Der Sohn des damaligen Innenministers Kambodschas, Sar Sokha, war laut einem Eintrag im Unternehmensregister 2018 Direktor eines Unternehmens von Chen Zhi.

Doch Chen Zhis gute Kontakte in die Politik konnten nicht verhindern, dass er im Januar nach China ausgeliefert wurde. Das chinesische Ministerium für öffentliche Sicherheit bezeichnete den 38-Jährigen als „Anführer einer großen grenzüberschreitenden Glücksspiel- und Betrugsorganisation“ und erklärte, dass eine von ihm angeführte Gruppe im Verdacht stehe, mehrere Straftaten begangen zu haben.

Laut der Anklageschrift des US-Justizministeriums gibt es Belege dafür, dass die Mitarbeiter, die unter Zwang die Online-Betrugsmaschen für ihn durchführten, von Chen Zhi selbst überwacht wurden. Aus einem zitierten Chat geht zudem hervor, dass er angeordnet haben soll, einen Mitarbeiter zu verprügeln – mit dem Zusatz, ihn nicht totzuschlagen.

Rückforderung von 127.000 Bitcoin

In dieser Woche reichten die Anwälte von Chen Zhi bei einem New Yorker Bundesgericht schließlich einen Antrag ein, um die Beschlagnahmung seiner Bitcoin aufheben zu lassen. Sie argumentieren, viele der Vorwürfe gegen ihren Mandanten seien „nachweislich und offensichtlich falsch“, berichtet Bloomberg.

Zudem stellen sie den Ablauf der Konfiszierung infrage. Denn wie sogar die chinesische Behörde CVERC betonte, wurden die Coins nach dem „Hack“ im Jahr 2020 fast fünf Jahre nicht bewegt. Erst wenige Monate vor der offiziellen Beschlagnahmung gab es Transaktionen auf Wallets, die jetzt den USA zugeordnet werden.

In dem Antrag erklärten die Anwälte überdies, dass seine $BTC unmöglich Erlöse aus Betrug oder Geldwäsche sein könnten. Außerdem seien die Anschuldigungen, er habe Betrugsfälle überwacht, „unspezifische Aussagen und Hintergrundkommentare über die Bedingungen in Kambodscha“.

Müssen die USA die Bitcoin zurückzahlen?

Laut Arkham Intelligence befinden sich derzeit rund 328.000 Bitcoin unter Kontrolle der USA. Demnach machen die von Chen Zhi beschlagnahmten $BTC einen großen Anteil der potenziellen strategischen US-Bitcoin-Reserve aus. Donald Trump unterzeichnete vor rund einem Jahr ein Dekret, laut dem keine Bitcoin im Staatsbesitz mehr verkauft werden dürften.

Wie der Fall von Chen Zhi jedoch erneut verdeutlicht, ist bei einigen dieser Bitcoin noch nicht endgültig geklärt, wem sie wirklich zustehen. Ein anderer großer Teil der Coins stammt beispielsweise aus dem Hack von Bitfinex und dürfte der Krypto-Börse eigentlich zustehen. Noch gibt es keine offiziellen Informationen vonseiten der USA, wie viele $BTC ihnen wirklich gehören.

Chen Zhi befindet sich jetzt in chinesischer Kontrolle, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. In den USA würde es also nur dann zu einer Verurteilung kommen, wenn er dorthin ausgeliefert werden würde. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei der Frage nach seinen Bitcoin um ein zivilrechtliches Einziehungsverfahren, weshalb die Beschlagnahmung auch ohne Strafprozess in den USA aufgehoben werden könnte.

Doch dass es sich bei Chen Zhi um einen Kriminellen handelt, scheint inzwischen quasi unumstritten zu sein – selbst in China, wo die Vorwürfe mit großem Ernst verfolgt werden. Demnach dürfte ausreichend Grundlage bestehen, die Bitcoin zu beschlagnahmen. Zu den Geschädigten des Betrugs gehören auch US-amerikanische Staatsbürger.

Sollte die Volksrepublik also keinen Druck auf die USA ausüben, die Bitcoin zu übertragen, werden diese wohl voraussichtlich im Besitz der USA verbleiben – abzüglich der Coins, mit denen potenziell noch die Opfer entschädigt werden. Die Erfolgsaussichten des Antrags dürften unter dem Strich äußerst gering sein.

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